Seit über drei Jahren ist Mascha E. nach ihrem Studium in Pskow bei einer großen Firma als Juristin beschäftigt. Fast täglich hat sie im Auftrag ihres Auftraggebers Termine am Gericht.
Wie diese Arbeit in Deutschland aussieht, wollte Mascha erkunden. Familie Raudenkolb nahm sie auf. Für Ursula Raudenkolb, Lehrerin am Nelly-Sachs-Gymnasium, sind Begegnungen mit Pskowern nichts Neues. Sie war mit Schülerinnen und Schülern in Pskow gewesen. Ursula Raudenkolbs Ehemann, Guido Raudenkolb, Rechtsanwalt von Beruf und mit eigener Kanzlei in Neuss, konnte Mascha beste Einblicke in das deutsche Rechtswesen bieten: Wie Klagen aufgesetzt werden, wie Zwangsversteigerungen von Immobilien ablaufen und wie bei Gericht gearbeitet wird.
Auffällig im Vergleich vor Gericht war für den russischen Gast, dass bei ihnen die Richter nicht mit Diktiergerät arbeiten. In Russland muss jedes Wort protokolliert werden. Nur in Verfahren zwischen Firmen sind derartige Hilfsmittel erlaubt. Wie bei uns gibt es auch in Russland Pflichtverteidiger. In Deutschland ist Prozesskostenhilfe in Zivilsachen möglich. Auch in Russland werden in derartigen Fällen die Honorare von der öffentlichen Hand übernommen. Ansonsten muss bar bezahlt werden. Die Summe richtet sich nach dem Streitwert. Übrigens: Rechtsschutzversicherungen gibt es in Russland nicht.
Neu für Mascha E. war die Fülle von Rechtsanwälten hier bei uns. In Russland gibt es deutlich weniger. In der Regel sind es Spezialisten für Zivil- und Strafrecht. Vermutlich, so Mascha, wird es in Zukunft auch in Russland mehr Kanzleien geben. Ein gutes Zeichen für ein überzeugendes Rechtssystem.
Wie bringt man Rechtssystem und Recht den Jugendlichen in den russischen Schulen nahe? In den letzten Klassen gibt es Rechtskundeunterricht. Nicht üblich ist es, dass Schulklassen Gerichtsverhandlungen verfolgen dürfen. Diese Praxis überraschte Mascha.
Anders als bei den Rechtsanwälten ist die Anzahl der Gerichtsvollzieher deutlich höher als in Neuss, wo nur 21 tätig sind. Selbstständig arbeiten sie aber in beiden Ländern. Ein Vergleich ihrer Arbeit ist aber sehr schwierig, zu unterschiedlich geht man vor.
Die juristischen Gespräche endeten dann doch am Abend. Mascha genoss die familiäre Runde am Kamin der Raudenkolbs. Man schaute fern, man plauderte, und man aß das, was der russische Gast zubereitet hatte.
Und rückblickend meinte Mascha, dass sie sich nie als Gast gefühlt habe, sondern als Familienmitglied. Dazu trugen auch die beiden Söhne der Raudenkolbs, Tobias und Florian, wie selbstverständlich bei.
Ein Familienmitglied begleitete Mascha bis in ihre Träume: Chinchilla Hugo, 16-jährig und nachtaktiv im Käfig wohnend. Sprachschwierigkeiten waren ohnehin nicht zu erwarten, und Mascha hatte Hugo, die übrigens ein Weibchen ist, schnell auf ihrer Seite mit allerlei Leckereien. Er bzw. sie störte dann ihre Zimmergenossin nicht im erholsamen Schlaf.
Den brauchte die Besucherin aus Pskow auch dringend, denn nicht nur die Kanzlei forderte die ganze Kraft und Aufmerksamkeit, sondern auch der Karneval. Und das um so mehr, als Guido Raudenkolb, nicht nur der Rechtsanwalt war, sondern auch ein aktiver Karnevalist.
Aus diversen Karnevalskostümen im Hause Raudenkolb war schnell ein passendes gefunden. Altweiber konnte zünftig gefeiert werden. Und was eignet sich dann besser als die Schlüsselübergabe im Rathaus. Nein, in Pskow und überhaupt in Russland gibt es keinen Karneval, keine Kostümierung, keine Ausgelassenheit auf den Straßen.
Mascha schaffte den Sprung aus der Kanzlei in den Karneval spielend und fröhlich unterstützt von vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtverwaltung. Sie erkannten die russische Praktikantin, die vor vier Jahren bei ihnen hospitierte. Die Freude war groß. Wie unter alten Freunden wurde gefeiert. Guido Raudenkolb, mitten unter ihnen, arrangierte natürlich noch ein Foto mit Prinz und Prinzessin. Ein Höhepunkt für Mascha.
Und was liegt näher für echte Neusser: Man feiert gerade Karneval, aber im Herzen denkt man an das Schützenfest im August.
Und dazu - das versteht sich wohl von selbst - hat man Mascha, die Freundin aus Pskow, ganz herzlich eingeladen.
Text: Dr. D. Weißenborn
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