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Zu Gast an der Staatlichen Universität zu Pskow

Der sonntägliche Flug von Düsseldorf nach Sankt Petersburg verlief problemlos. Der Streik der Lufthansa begann erst am Montag. Einen Tag später gebucht, wäre die Reise abenteuerlich verlaufen. Aber die beiden Vorstandsmitglieder des "Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Neuss-Pskow e. V." sind die Optimisten: Dr. Bernd Holzberg, Schatzmeister des Fördervereins, und Dr. Dieter Weißenborn, der Geschäftsführer. Für elf Tage (21. April bis 1.5.2013) waren die zwei Neusser zu Gast an der Staatlichen Universität zu Pskow. In partnerschaftlicher Mission wollten der IT-Manager Dr. Holzberg und der Studiendirektor Dr. Weißenborn am Lehrstuhl für deutsche Sprache Seminare anbieten und Vorträge halten. Von St. Petersburg mussten nun die knapp 300 km nach Pskow gefahren werden. Für deutsche Autofahrer sind 300 km eine recht ansehnliche Strecke; für Russen sind 300 km eine Kurzstrecke. Im bequemen "Wolga" ging es auf guter Straße nach Pskow. Die Landschaft des Nordens zeigte ihr charakteristisches Gesicht. Von der etwas erhöhten und damit frostsicheren Straße schaute man in eine Landschaft, die sich gerade vom Winter befreite. Flüsse und Bäche waren über die Ufer getreten. Die Abendsonne tauchte die Landschaft in ein unwirkliches Licht. Ilja Repins Landschaftsbilder kamen einem in den Sinn. Die Fotoapparate der Gäste waren in Aktion.

In Pskow angekommen, nahmen die beiden Neusser Quartier in einem zum Hotel sanierten und restaurierten Wohnpalast eines ehemaligen reichen Pskower Kaufmanns aus dem 16. Jahrhunderts. Es sollten in diesem Haus erholsame und entspannte Abende werden, wenn Bernd H. Und Dieter W. nach "getaner Arbeit" an der Universität in ihr Quartier zurückkamen. Die Eindrücke in Ruhe an sich vorbeiziehen zu lassen, war dringend nötig. Ein paar erfrischende Biere helfen dabei.

An der Universität

Der Germanist, Philosoph und Russist Dieter W. hatte leichtes Spiel in seinen Gruppen. Er kannte die Universität seit über 20 Jahren aus vielen Besuchen und Unterrichtsstunden. Im Vorfeld hatte man sich auf literarische Themen geeinigt. Peter Bichsel und Friedrich Dürenmatt standen auf dem Plan. Ein Vergleich von vor 20 Jahren und heutzutage - 2013 - bietet sich an. Damals war Frontalunterricht gang und gäbe. 2013 ist der Dozent nicht mehr im Besitz der gültigen Wahrheit, sondern im Prozess der Interpretation werden Ergebnisse gemeinsam von Studenten und Dozent erarbeitet. Die Unterrichtsmethoden sind vielfältig. So wurde im ersten Studienjahr ein sog. "Almanach" erarbeitet. Zu einem Thema werden die verschiedensten Schreibformen erprobt: vom Bericht über das Märchen bis hin zum Interview.

Ein Beispiel von Offenheit in einer unerwarteten Unterrichtssituation sei genannt. Die russische Dozentin und ihr deutscher Partner stellten überrascht fest, dass eine Kurzgeschichte Dürrenmatts, die interpretiert werden sollte, in zwei verschiedenen Werkausgaben zwei unterschiedliche Schlusssätze hatte. Beide Schlusssätze an die Tafel geschrieben, wurden die Studierenden aufgefordert, gemeinsam mit den Lehrer über die Unterschiede nachzudenken. Resultat: das Eingeständnis des Dozenten, dass auch er über eine Lösung nachdenken müsse, führte dazu, dass die Studentinnen sich intensiv bemühten, eine Lösung zu finden. Und das in der deutschen Sprache. Und jedes Ausweichen ins Russische, in die Muttersprache, wurde energisch abgelehnt. Das war einmal mehr ein Beweis für das gewachsene Selbstbewusstsein der Studierenden.

Ein überraschendes Ergebnis für die russischen Zuhörer


Dieter Weißenborn hielt vor deutsch sprechenden Zuhörern in der Universität einen Vortrag über das Verhältnis zwischen Deutschen und Russen nach 1945. Im Bereich der sportlichen Zusammenarbeit gab es für die Zuhörer eine völlig neue Einsicht. Wie DDR-Sportfunktionäre sich auf gemeinsamen Konferenzen gegenüber ihrer sowjetischen Gesprächs- und Verhandlungspartnern benahmen; häufig unangemessen, ja sogar respektlos Forderungen aufstellend. Lesen kann man das in sowjetischen Archiven, die in den 1990er Jahren geöffnet wurden. Es galt in der DDR nicht nur die These: Wir lernen von der Sowjetunion, sondern: "Wir lernen auch über die Sowjetunion siegen!" Ein überraschendes Ergebnis.

Ein neues Projekt, vereinbart zwischen der Pskower Universität und dem "Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Neuss-Pskow e. V.".
Auch Berufstätige sollen an gegenseitigen deutsch-russischen Begegnungen teilnehmen, nicht nur Amtsträger und Funktionäre. Doch Grundkenntnisse in der deutschen Sprache sind dafür nötig. Das leistet wiederum der Lehrstuhl für deutsche Sprache an der Universität, und zwar seit Jahren, indem Dozenten und Dozentinnen Deutsch in abendlichen Sprachkursen anbieten. Die Neusser Partner sind aufgefordert, Betriebe, Unternehmen, Firmen zu finden, die derartig ausgebildete Pskowerinnen und Pskower zu einer Hospitation aufzunehmen.

Empfang beim Rektor der Pskower Universität

Ein Höhepunkt des Besuchs der beiden Neusser Gäste am Institut für deutsche Sprache war der Empfang durch den Rektor der Universität, Herrn Jurij Anatoljewitsch Demjanenko. Die beiden Deutschen nahmen die Gelegenheit wahr, sich herzlich zu bedanken für die Gastfreundschaft, mit der sie aufgenommen worden waren. Dem Rektor gegenüber betonten die beiden Neusser, wie beeindruckt sie waren von dem hohen Grad der Ausbildung der Studierenden und der modernen methodischen und didaktischen Ausrichtung der Lehrer. Der Rektor der Universität betonte ausdrücklich, dass der bestehende Vertrag zwischen der Universität Pskow, dem Alexander- von- Humboldt- Gymnasium in Neuss und dem Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft verlängert werden sollte.
Bernd H. und Dieter W. als Juroren bei Wettbewerben in der Universität und in den Schulen, die besucht wurden.
Alle fünf Studienjahre des Instituts für deutsche Sprache hatten an einem Wettbewerb teilgenommen. Es sollten Video- Filme gedreht werden zu jeweils einem deutschen Künstler und einem seiner Kunstwerke, z.B. Goethes "Werther", z.B. ein Gemälde von Otto Dix.
Nach der Präsentation der Videos wurden die beiden deutschen Dozenten gebeten, ihr Urteil in einem Bewertungsraster abzugeben. Das fiel sehr schwer, weil die Qualität der Arbeiten gleichermaßen hoch war.
Auch in den Schulen gab es Wettbewerbe der Deutschlernenden. Von den Anfängern bis zu den Fortgeschrittenen wurden deutsche Gedichte vorgetragen und Märchen in deutscher Sprache aufgeführt. Beeindruckend war das Engagement der Schülerinnen und Schüler und der Einsatz der Lehrerinnen und Lehrer. Auch bei dieser Veranstaltung wurden die beiden Deutschen gebeten als Schiedsrichter zu arbeiten.

 

Dr. D. Weißenborn, 12.06.2013