Komsomolzen Erzählung: Ein Enkel blickt in die Jugend der Großmutter

'Lenin auf dem Allerrussischen Subbotnik im Kreml' gemalt von W.S. Iwanow Wanja besucht wieder einmal seine Großmutter. Er kommt aus der Uni. Er will - wie immer - nur kurz vorbeischauen. Aus welcher Übung er denn gerade komme, will die Oma wissen. Nein, es sei gerade keine Vorlesung oder Übung gewesen, sondern ein Projekt, das sich die jungen Jurastudenten vorgenommen haben; nämlich Senioren bei einem Behördengang zu begleiten. "Ist das nicht ein großartige Sache?" Wanja wartet auf die bewundernde Zustimmung seiner Großmutter. Aber sie antwortet nur knapp: "Da wird es aber auch Zeit, dass ihr jungen Studenten und Studentinnen so etwas macht!" Nur, Wanja kann sich nicht so recht vorstellen, dass die Oma in ihrer Jugend etwas Ähnliches getan hat". "Lieber Wanja, nun setzte dich einen Augenblick. Der Tee ist fertig und den Konfekt magst du ja auch gerne naschen. Aber, mein Lieber, dass lasse ich nicht auf mir sitzen", sagt die Großmutter energisch, "das wir damals als Komsomolzen nicht sozial engagiert waren. Ja, heutzutage wird allzu schnell gesagt, dass wir als Pioniere und Komsomolzen immer nur den Parolen der Partei folgen mussten. Die Partei hatte das Sagen, das stimmt. Aber die Menschen um uns herum haben wir nicht vergessen. Vor allem die nicht, die Hilfe brauchten. Wir überlegten uns vieles, um ihnen in ihrem Alltag zu helfen. Du sprachst eben von Behördengängen, auf denen ihr die Senioren begleitet. Das haben wir auch gemacht. Aber ich will doch einmal etwas weiter ausholen."

Wanja saß mittlerweile, schlürfte seinen Tee und aß Konfekt. Hörte er anfangs nur höflich zu, zog ihn die Großmutter immer mehr in ihren Bann.
"Mit 14 Jahren wurden wir Komsomolzen, zumindest wurde es gewünscht. Da lagen schon einige Schuljahre hinter uns. In der ersten Klasse nannte man uns "Oktoberkinder". Es wurden Gruppen gebildet, jeweils fünf Kinder. Wir halfen uns gegenseitig und gewöhnte uns so an den Schulalltag. Dann wurden wir Pioniere. Mehr und mehr lernten wir die Regeln des Zusammenlebens, des gemeinsamen Arbeitens. Aber auch in der Freizeit wurden auf einen guten Zusammenhalt geachtet. Und - wie gesagt - mit 14 wurden wir Komsomolzen. Das wurde gewünscht, und es war für das eigene Fortkommen besser, Mitglied zu sein. Jede Klasse bildete eine Gruppe. Funktionen wurden verteilt, und Funktionäre waren es, die bestimmte Aufgaben übernahmen. Die Organisation war hierarchisch aufgebaut in der Schule, in der Stadt, und weiter im Oblast. Die einzelnen Gruppen standen immer im Wettbewerb. Das war die eine Seite.
Es wurde uns auch viel geboten. In der Schule besuchten uns Veteranen, ehemalige Partisanen, aber auch Schriftsteller und andere Künstler. Für eine Schulstunde kamen sie und sprachen mit uns.
Wir gingen aber auch hinaus auf gemeinsame Exkursionen. Wir - Jungen wie Mädchen - besuchten z.B. Kasernen. Die Stärke des Vaterlandes wurde uns vorgeführt, wenn wir die Waffen erklärt bekamen. Körperliche Ertüchtigung lag nahe. Sie war sogar Schwerpunkt der Erziehung. 80% von uns waren Turner und Turnerinnen. Man wurde Mitglied in einem Sportclub; Basketball beispielsweise stand hoch im Kurs.
Es ging aber auch hinaus in die Natur. Und das zu jeder Jahreszeit. Und ich erinnere mich gut daran, dass wir schon in der achten Klasse von Tallina nach Riga wanderten. Unsere Eltern brachten uns mit ihren Autos nach Tallina und holten uns in Riga wieder ab. Natürlich hatten sie auch Angst, ob alles gut gehen würde. WÜrde gestohlen, geprügelt oder gemobbt? Aber das geschah nicht oder nur selten. In unsere Pioniergruppe hatten wir ja die Regeln gelernt, wie man miteinander umgeht. Und daran hielten wir uns.

Auch die Kultur kam nicht zu kurz. In Zirkeln spielten wir Theater, tanzten oder lasen und besprachen literarische Werke.
Und einmal in der Woche gingen wir ins Theater oder ins Kino. Die Schauspieler kannten wir alle und verehrten sie sehr. Sie waren für uns Vorbilder. Wir selbst studierten Schauspiele und Tänze ein und gingen mit ihnen auf die Dörfer. Das war für alle eine große Freude auch für die Dorfbewohner. Wir erzählten ihnen auch von unseren Exkursionen und Besuchen in den Museen. Das waren nicht nur die Museen in Pskow, sondern auch die in St. Petersburg. Kuratoren erklärten und die Bilder, die Skulpturen und die Werke der Volkskunst. Die Meisterwerke wurden ein Teil unseres Lebens und sind es bis heute." Die Großmutter hielt überrascht inne. "Wanja, jetzt hat mich die Erinnerung fortgetragen. Aber ich will auf deine Frage zurückkommen, ob auch wir im Sozialen aktiv waren und die Hilfsbedürftigen unterstützten. Natürlich taten wir das. Beispielsweise in den Dörfern. Wo es nötig war, räumten wir auf, kauften ein, und den Veteranen gratulierten wir zu allen Feiertagen und zu allen Festen. Wir nähten, stickten, bastelten kleine Geschenke nicht nur für unsere Eltern. Und eine Aktion ist mir noch in bester Erinnerung: der Subbotnik. Das war immer Anfang April. Alle packten an und machten mit beim großen Aufräumen, und zwar in der unmittelbaren Wohnumgebung. Ich erinnere mich an ein Bild von Lenin, das ihn mit einem Baumstamm auf der Schulter zeigte. Das war das Vorbild für den Subbotnik. Alle diese Aktionen bedeuten für die Lehrer auch zusätzliche Arbeit am Nachmittag, auch nach dem Unterricht.
Nach dem Ende Sowjetunion reduzierte sich die Aufgabe der Schule darauf, nur noch Wissen zu vermitteln. Die Schülerinnen und Schüler auch zu erziehen, war kein klares Ziel mehr."
Das allerdings wollte Wanja so nicht stehen lassen, denn er und seine Kommilitoninnen und Kommilitonen hatten sich ja einiges vorgenommen. Aber das ist eine neue Geschichte.

Dr. D. Weißenborn, Mai 2013

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